Sprache :  Deutsch   |   Englisch

Der englische Doppeldecker lebt

Mit Sir Winston aus Woodstock über die Schwäbische Alb – Bus-Passion in Gerstetten macht Nostalgie erfahrbar

Woodstock - was für ein Klang! Allein der Name weckt bei vielen nostalgische Gefühle, treibt Sehnsuchtstränen in die Augen. Das waren noch Zeiten: Flower Power, Hippiebewegung, love and peace. Das Folk-, Rock,-, Soul- und Blues-Festival im August 1969 im amerikanischen Bundesstaat New York, das eine halbe Millionen Menschen verzückte, gehört unweigerlich zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Doch was hat Sir Winston Churchill damit zu tun? Der bedeutendste englische Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts wurde auch in einem Ort namens Woodstock geboren, allerdings in der englischen Grafschaft Oxfordshire. Auch er war einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, mancher Leidenschaft nicht abgetan, das Bild vom Mann im Zigarrenqualm hat sich eingeprägt. Leidenschaft ist genau jenes Stichwort, das man braucht, um zu verstehen, warum „Sir Winston“ aus Woodstock heute über die Schwäbische Alb tuckert. Das ist beileibe nicht abwertend gemeint, denn wenn der rote Doppeldecker langsam aus der Garage rollt, geschieht das mit einem satten Sound, der an ein Bass-Solo von Leo Lyons der legendären Band Ten Years After erinnert. Und wenn er dazu dann noch ein bisschen qualmt, kann das keine Bühnenshow besser inszenieren: Smoke on the Road!

Von Woodstock auf die Schwäbische Alb

Als das legendäre Woodstock-Musik-Festival über die Bühne ging, war auch er noch jung, hatte gerade einmal fünf Jahre Liniendienst zwischen Oxford und Woodstock auf der Antriebsachse. Der Doppeldecker, eine Kooperation der Associated Equipment Company (AEC), die das Fahrwerk lieferten, und Park Royal, die für die Karosserie verantwortlich zeichneten, war für englische Verhältnisse ungewöhnlich „klein“: Vier Meter Höhe und achteinhalb Meter Länge betrugen seine Maße, sein Leergewicht stolze 8,4 Tonnen. Der AEC-Motor brachte mit 9,6 Liter Hubraum 150 PS auf die Straße.

Ein Jahr nach seinem Bus-Baujahr 1964 starb Sir Winston Churchill, bei so vielen Beziehungspunkten lag es nahe, den AEC Renown 340TJO „Sir Winston“ zu nennen. Ingomar Kieback aus Gerstetten tat das in Erinnerung an den Politiker, an die Linie 44 zwischen Oxford und Woodstock, die der heutige Oldtimer bis 1977 bediente. Danach wurde er bis ins Jahr 1992 als Fahrschulwagen genutzt, ehe er bis 2005 seinen Platz im Oxford-Omnibus-Museum fand. Sein nächster Besitzer, Ashley Blackman, unterzog ihn einer grundlegenden Renovierung und fuhr mit ihm zu manchem Oldtimer-Bus-Treffen. Ab 2009 stand er dann bei Carl Ireland Classic Buses in Hull, ehe er zu Heinrich Wulfes nach Gifhorn kam und dort von Ingomar Kieback erworben wurde.  

Neuorientierung mit Oldtimer

„Vor zwei Jahren war meine Frau in Irland, stand an einer Kreuzung und ein Doppeldecker, geschmückt als Wedding Bus, fuhr an ihr vorbei. Sie war sofort begeistert, rief mich an und fragte, ob wir so etwas nicht auch machen könnten“, erzählt Ingomar Kieback. „Damals war ich gerade dabei, mir etwas Neues aufzubauen, also haben wir das weiter verfolgt und uns nach einem geeigneten Fahrzeug umgesehen. Als Schüler hatte ich schon den Traum, einmal einen englischen Doppeldecker in ein Wohnmobil umzubauen, auch während des Ingenieur-Studiums hat mich das nie losgelassen.“ Nach intensiven Recherchen und auf Empfehlung von Konrad Auwärter kamen die Kieback´s dann zu Heinrich Wulfes, der englische und amerikanische Doppeldeckerbusse verkauft und einer der wenigen in Deutschland ist, der auch die Personenbeförderungszulassung vermitteln kann. „Zunächst hatten wir einen Bristol Low-Decker im Blick“, berichtet Ingomar Kieback „aber nach mehrmaligen Ortsterminen hat uns Heinrich Wulfes davon überzeugt, den robusten und zuverlässigeren AEC zu erwerben, den er für uns aus England holte. In der Zwischenzeit habe ich den Bus-Führerschein und den Berufskraftfahrer gemacht, ein Busunternehmen gegründet, ein Gastronomiegewerbe angemeldet und die IHK-Prüfungen abgelegt.“ 

Vielfalt als Programm

Vor allem die im Innenraum und im Laufe der Zeit durch die verschiedenen Besitzer entstandenen Umbauten hat Ingomar Kieback alle rückgebaut, fachkundig und mit Liebe zum Detail. Wer heute in den Oldtimer mit der charmanten rot-violetten Originallackierung einsteigt und einen der 36 Sitzplätze im Oberdeck oder einen der 24 Sitze im Unterdeck einnimmt, fühlt sich tatsächlich zurückversetzt in die 60er Jahre. Dabei ist die Innenraumgestaltung flexibel ausgelegt, kann als reine Bankbestuhlung oder durch den Einsatz von Tischen in Sitzgruppen erfolgen. Sir Winston kann heute für besondere Anlässe angemietet werden: Ob Familienfeste wie Hochzeiten, Geburtstage, Taufen, Junggesellenabschiede, Vereinsausflugsfahrten, Veranstaltungsshuttle-Service, Unternehmens- und Kunden-Events, Abteilungsausflüge, touristische Programme, Promotion, Film- und Fotoshootings, der Woodstock-Doppeldecker macht immer eine erstklassige Figur. Zudem verwöhnt die Familie Kieback auch während der Fahrt ihre Gäste kulinarisch und bietet zum Beispiel ein stilechtes englisches Picknick oder Barbecue an besonders schönen Orten an.

Mondlicht, Mammut und Mörder-Tour

Zum Angebotsspektrum gehören außerdem eine romantische Dinnertour für Verliebte „Moonlight in your eyes“,  eine „Mysterious Crime-Tour“, eine spannende Krimi-Tour in englischer Sprache, die sich auch als rollender Englischunterricht eignet oder die „Sir Winston Mammut-Tour“, eine interessante Zeitreise in die Eiszeit. Außerdem wird er eingesetzt als Tages-Erlebnisshuttle zum Legoland Günzburg. „Wir bauen derzeit ein vielfältiges Schulprogramm aus in Zusammenarbeit mit einer Märchenerzählerin, einer Kräuterpädagogin, einem Alb-Guide, der Biber-Touren führt und einem Bauernhof, der für Schulklassen und Busgruppen unter anderem ein Themenprogramm „Vom Korn zum Brot“ erlebbar macht“, denn Sir Winston soll auch Kinder und Jugendliche mit der Natur vertraut machen und ihnen dabei ein Stück englische Fahrzeuggeschichte vermitteln. Mit Erfolg, denn für die Söhne der Familie Kieback ist Sir Winston längst zum Freund geworden.     

©Text/Fotos: Jörg Berghoff